Home Page Image
  Das Kraftwerk das nie in Betrieb ging
Geschichte 1945-2008
Politik
Internationaler Vergleich
Ersatzkraftwerke
Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich
Kernkraftwerk Zwentendorf
Technik Siedewasserreaktor
Kurzüberblick





 
 


Das Kraftwerk das nie in Betrieb ging

30 Jahre Zwentendorf

Die nachfolgenden Texte in diesem Bereich sind auszugsweise von Ernst Brandstetter und Georg Rigele.

30 Jahre nach dem Aus für Österreichs einziges Kernkraftwerk hütet die EVN den wertvollen Kraftwerksstandort als Option für die Zukunft. Gleich hinter dem Donau-Treppelweg, wo sich Radtouristen beim Gasthaus Bärndorfer-Hütte mit Bier, Würsteln oder Schnitzel stärken können, hat Lerni ihr Revier: Die Mischlingshündin - angeblich Border-Collie/Jagdhund - hat im hohen Gras einen Hasen erspäht und setzt freudig zu einer Verfolgungsjagd an. Die Einfahrt entlang, dann rund um die Ecke zu den Garagengebäuden, wo auf der asphaltierten Fläche gegenüber einem offenen Panzertor ein Wohnmobil auf kleinere Reparaturen wartet. Doch der Feldhase macht sich rasch aus dem Staub und es herrscht wieder Ruhe auf dem Gelände, wo Cheftechniker Johann Fleischer und seine Lerni täglich von sieben bis 16 Uhr meist allein die Stellung halten.

Fleischer ist Österreichs einziger (und auch oft einsamer) Betreiber eines Atomkraftwerks, des Kernkraftwerks Zwentendorf, das als Einziges in der Welt, obwohl fertig gebaut, nie in Betrieb gehen durfte und er freut sich immer, wenn es Gelegenheit gibt, Gästen "sein" Kraftwerk zu zeigen. In den vergangenen Jahren hat er aus dem leer stehenden Reaktor, der nur noch als Ersatzteillager für baugleiche Kraftwerke in Deutschland diente, einen Schulungsreaktor gemacht, der vor allem von der deutschen Kraftwerksschule Essen genutzt wird.

Heute ist niemand hier, der ausgebildet werden müsste, aber dennoch stehen die riesigen Stahltore, die an Tresortüren erinnern, weit offen. "Das Gebäude braucht Luft", erklärt Fleischer. Weil das riesige Haus im Winter nicht geheizt wird, sinkt die Temperatur hinter den Stahlbetonwänden, die einem Flugzeugabsturz widerstehen könnten, auf rund elf Grad ab und mit Beginn der warmen Jahreszeit tropft dann Kondenswasser auf alle Anlagen und Böden. Fleischer hat daher auch im Gebäudeinneren große Gebläse aufgestellt, die Luft durch die leeren Gänge und düsteren Hallen wirbeln, um die Anlagen vor Korrosion zu schützen.

An manchen Stellen wirkt das Kraftwerk heute noch, als könnten die ursprünglich 200 ausgebildeten Kerntechniker, die es betreiben sollten, morgen zurückkehren, um den Reaktor anzuwerfen. Der Steuerstabantriebsraum unter dem Reaktorkern (6,5 m im Durchmesser, 20 m hoch), eine Sinfonie von Edelstahlteilen und elektrischen Antrieben, das Brennelemente-Trockenlager, wo 1978 bereits die Erstausstattung mit Brennelementen bereitstand, die Lagerbecken über dem jetzt bloß liegenden Reaktor, dessen 60 Tonnen schwere Kuppel in der ,Ecke anscheinend nur darauf wartet, dass sie wieder an Ort und Stelle verschraubt wird, um den 270 Grad heißen Dampf mit 80 bar Druck, der die insgesamt vier Turbinen des Kraftwerks treiben sollte, im Reaktor zu halten. Unter dem Reaktor die Kondensationskammer, eine Kathedrale in Schwarz, wo auch das Sicherheitswasser für eine etwaige Notkühlung aufbewahrt wurde. Pumpenanschlüsse, turmhohe Stahlröhren, die der Dampfkondensation dienen sollten - die gesamte Technik, die in normalen Reaktoren niemand zu sehen bekomme, liegt offen und ist bereits großteils über Gitterroste begehbar.

"Das Schulungskraftwerk ist gut gebucht" weiß auch EVN-Sprecher Stefan Zach, der die Führung begleitet. Wann immer Neuerungen bei den deutschen Schwesterkraftwerken durchgeführt werden oder Servicemaßnahmen zu erproben sind, kommen die Techniker nach Zwentendorf. Erst wenn hier alles passt, genehmigt auch der TÜV den Umbau an den in Betrieb befindlichen Kraftwerken - und die haben weithin bekannte Namen wie Würgassen, Brunsbüttel oder Philippsburg.

Diese haben ihre Arbeit schon großteils geleistet. Das Kraftwerk Brunsbüttel, beispielsweise, das 1977 an Netz ging, also nur ein Jahr älter ist als Zwentendorf, hat bisher schon rund 130.000 Gigawattstunden Strom erzeugt und soll laut dem geltenden deutschen Atomkonsens 2009 abgeschaltet werden. Diese Strommenge entspricht etwa dem Doppelten der gesamten aktuellen Stromerzeugung eines Jahres in Österreich und repräsentiert heute einen Wert von 9,1 Milliarden Euro, nimmt man den aktuellen Börsenpreis für Grundlast als Ausgangspunkt.