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Das Atomkraftwerk Zwentendorf – ein Stück österreichischer Zeitgeschichte

Als die EVN im Jahr 2005 das Kernkraftwerk Zwentendorf übernahm, hat das niederösterreichische Energie- und Umweltunternehmen damit auch ein Stück Österreichischer Zeitgeschichte erworben. Das 24 Hektar große Areal ist ein zugelassener Kraftwerksstandort in bester Lage, aber auch ein Ort, an dem in den letzten 30 Jahren alles schief zu gehen schien, was dort begonnen wurde und der viele Menschen heute noch emotional berührt. Es gibt wohl keinen Platz auf der Welt, der besser geeignet wäre als Symbol für eine neue umweltfreundliche und erneuerbare Energiezukunft - und das weit über die Grenzen Niederösterreichs hinaus.

Wie alles begann…
Am 4. April 1972 erfolgte der Spatenstich für das Bauprojekt „Atomkraftwerk Zwentendorf“, das ein Jahr zuvor von der Generalversammlung der Gemeinschaftskernkraftwerk-Tullnerfeld beschlossen wurde. Das Areal in Zwentendorf im Tullnerfeld schien bereits von Anfang an unter einem Unglücksstern zu stehen: Zwei Wochen nach Baubeginn wurde die Arbeit durch ein starkes Erdbeben beeinträchtigt. Das komplette Fundament musste wieder abgerissen und neu gebaut werden. Bis zur endgültigen Fertigstellung des Siedewasserreaktors mit einer Leistung von rund 750 Megawatt dauerte es vier Jahre. Bei jahresdurchgängigem Betrieb hätte dieses Kraftwerk elektrische Energie für rund 1,8 Millionen Haushalte erzeugen können.
Der Energieplan des Jahres 1976 sah den Bau von insgesamt drei Kernkraftwerken mit einer Gesamtleistung von 3300 Megawatt in Österreich vor. Doch wie wir heute wissen, verläuft nicht immer alles „nach Plan“:
So rasch wie die Fertigstellung des ersten österreichischen Atomkraftwerkes voranschritt, formierten sich auch dessen Gegner. 1975 gründeten die Anti-Zwentendorf-Aktivisten die „Initiative österreichischer Atomkraftwerksgegner“. 500.000 Menschen umfasste die Bewegung, die ausschließlich vom persönlichen Engagement der Aktivisten lebte, auf ihrem Höhepunkt. Es kam zum „Marsch der 5.000“ nach Zwentendorf. Ebenfalls großes Aufsehen erregte 1977 der Hungerstreik von neun Vorarlberger Müttern vor dem Bundeskanzleramt. Stellvertretend für alle Bundesländer wollten sie einen Probebetrieb in Zwentendorf verhindern.
Das Atomkraftwerk Zwentendorf spaltete 1978 keine Atome, sondern Parteien und Meinungen. Die Menschen demonstrierten über Parteigrenzen und ideologische Hintergründe hinaus – es war ein Streit der Emotionen. Auf der einen Seite standen die Atomgegner, auf der anderen alle Mächtigen des Landes: Die SPÖ-Alleinregierung unter Bruno Kreisky, die Gewerkschaft, die Industrie und die Handelskammer. In der Erwartung eines zustimmenden Ergebnisses, entschloss sich der damalige Bundeskanzler das Volk über die Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes Zwentendorf abstimmen zu lassen, doch der Schuss ging nach hinten los. Innenminister Erwin Lanc verlas an dem geschichtsträchtigen Datum 5. November 1978 um 19.30 das überraschende Ergebnis: „Ja: 1.576.839 Stimmen oder 49,53 Prozent, Nein: 1.606.308 Stimmen oder 50,47 Prozent. Das im Parlament zur Volksabstimmung vorgelegte Gesetz ist damit gefallen.“
Als Folge des Zwentendorf-Abstimmungsergebnisses beschloss der Nationalrat noch im Dezember 1978 mit dem „Atomsperrgesetz“ das Verbot von Atomkraftwerken in Österreich. Im März 1985 – noch vor der Katastrophe in Tschernobyl, die die Atomkraft in Österreich endgültig diskreditierte – beschlossen die Gesellschafter der GKT die „stille Liquidierung“ der Gesellschaft. Die Verwertungsgesellschaft begann mit dem Verkauf der Brennstäbe und anderen Teilen der Anlage. Die bereits eingeschulten und ausgebildeten Mitarbeiter des Atomkraftwerks gingen in die Elektrizitätswirtschaft oder fanden in der deutschen Kernindustrie Beschäftigung. Zwentendorf kostete inklusive Konservierungskosten insgesamt 14 Milliarden Schilling (umgerechnet 1,02 Mrd. Euro).

Einem solchen Debakel zu Beginn folgten 30 Jahre, in denen dort nahezu alles Begonnene scheiterte. Ein skurriler Ort, der über die Jahre bizarre Projekte und Menschen anzog. Ein verwunschenes Dornröschenschloss hinter einem vor sich hin rostenden Doppelzaun. Ein Scheitern ohne Ende: Museum, Historyland, Gaskraftwerk. Auch eine Hollywood-Filmproduktion scheiterte im letzen Moment, da die Produktionsfirma in Konkurs ging. Nicht einmal die Namensgebung für die Zufahrtsstraße klappte, sie trug bis 2009 keinen Namen. Erst seit Juni 2009 führt nunmehr der „Sonnenweg“ zum Atomkraftwerk Zwentendorf.
Nach der nun doch gelungenen Namensgebung konnten auch die „Save the world Awards“ erfolgreich im Atomkraftwerk Zwentendorf stattfinden. Diese sind die weltweit ersten großen globalen Auszeichnungen für Menschen und Organisationen, die sich für die Erhaltung der Welt einsetzen.

Heute: Das sicherste Kernkraftwerk der Welt
Auch wenn das Atomkraftwerk niemals die Aufgabe erfüllen wird, für die es ursprünglich geschaffen wurde, ist die Verwendung des „Geisterkraftwerkes“ Zeit seines Lebens vielseitig: Bis 2001 war im Verwaltungsgebäude des Kraftwerks die Niederösterreichische Landesgendarmerieschule untergebracht. In dieser Zeit war Zwentendorf sprichwörtlich überhaupt „das sicherste Kraftwerk“ der Welt. Die Zwentendorfer Schulen nutzen das Verwaltungsgebäude als Ausweichquartier in Renovierungsphasen. Die EVN stellt das Gelände des AKWs österreichischen Einsatzorganisationen wie etwa dem Österreichischen Bundesheer, den Landesfeuerwehrverbänden und den Spezialhunde-Einheiten der Bundespolizei zur Verfügung. Seit September 2009 ist neues Leben in das Kraftwerk eingezogen. Über 180 Buben und Mädchen der Zwentendorfer Volksschule werden während der Renovierung ihres Schulgebäudes hier unterrichtet werden. Zwentendorf dient heute noch als Ersatzteillager für fünf noch in Betrieb befindliche typengleiche Kernkraftwerke in Deutschland.

Ein Ort zum lehren und lernen
Die EVN hat nach 2005 aus dem leer stehenden Atommeiler einen Schulungsreaktor gemacht: Waren die angehenden Zwentendorf-Kraftwerkstechniker in den 70er Jahren noch in Essen ausgebildet worden, so werden heute Schulungen von Essener Experten direkt in Zwentendorf durchgeführt. 150 Tage im Jahr üben die deutschen Kraftwerksingenieure im alten Kraftwerk im Tullnerfeld – immer wenn Neuerungen oder Servicearbeiten an den heimischen Kernkraftwerken anstehen. Dort können sie in realitätsnaher Umgebung üben und in Bereichen trainieren, die normalerweise in einem in Betrieb befindlichen Kernreaktor auf Grund der Strahlengefahr nicht begehbar sind.

Naturoase Zwentendorf
Die Natur erobert sich selbst massiv industriell genutzte Flächen im Lauf der Jahre wieder zurück. Seitens der EVN wurden Maßnahmen gesetzt, die alten Anlagen in einen tierfreundlichen Zustand zu versetzen. So befinden sich auf einigen Stahltanks Gitter, damit sie nicht zu tödlichen Fallen für Vögel werden. In den Zuläufen zur Donau haben sich Biber einquartiert und auch am Abluftkamin nisten Vögel. Der Verein der österreichischen Igelfreunde darf das Gelände zum Auswildern von im Straßenverkehr verletzten und von Aktivisten gesundgepflegten Igeln nutzen und wird dabei von Johann Fleischer tatkräftig unterstützt. Inzwischen ist das Freigelände rund um das Kernkraftwerk wieder zu einer einzigartigen Naturoase geworden.

Sonnen- statt Atomstrahlen
Zwentendorf ist ein zugelassener Kraftwerksstandort und als solcher von großer Bedeutung. Die EVN möchte ihn in einem ersten Schritt zur erneuerbarer Energie einsetzen. Schon im Juni 2009 nahmen Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll und EVN Generaldirektor Dr. Burkhard Hofer eine große Photovoltaikanlage am historischen Kraftwerkstandort in Betrieb. Insgesamt 1000 Photovoltaikpanele erzeugen nun auf der Fassade, dem Dach und den umliegenden Freiflächen des alten AKW sauber Energie für die Haushalte und Gewerbebetriebe der Region. Am historischen Kraftwerksstandort werden unterschiedliche PV-Module eingesetzt; ihre speziellen Funktionsweisen sollen in einem Langzeitversuch getestet und optimiert werden.
EVN Generaldirektor Dr. Burkhard Hofer: „Wir sehen diese Photovoltaikanlage am historischen Standort des AKW Zwentendorf als Symbol für eine erneuerbare und umweltfreundlichen Energiezukunft.“